Zum Hauptinhalt springen

Beziehung first

Editorial
von Jakob Ohm

„Beziehung first“

Dinge priorisieren zu können gehört zu den großen Herausforderungen für ein gelingendes Leben. Nicht alles kann gleich wichtig sein, es bedarf der Entscheidung was „wirklich zählt“ und was nachgeordnet ist. Das bringt einerseits Klarheit und Struktur. Prioritäten können jedoch auch zerstörerisch sein: „America first“ als Slogan einer chauvinistischen Politik, die sich noch dazu – ebenfalls priorisierend – auf das katholische Modell des „Ordo amoris“, einer Rangordnung in der Liebe, meint berufen zu dürfen, feiert nicht nur in den USA Hochkonjunktur. Dass diese Ausgabe unter dem Titel „Beziehung first“ eine klare Zeitansage aus Sicht des Charismas der Einheit macht, kann vor diesem Hintergrund ebenfalls als Priorisierung verstanden werden. In Wissenschaft, Gesellschaft, Politik, Kirche oder einfach im gemeinsamen Leben muss das Verbindende – die Beziehung – in den Mittelpunkt gestellt werden.

Es ist daher außerordentlich erfreulich, dass es auch in dieser Ausgabe des prisma gelungen ist, einen weiten und tiefen Blick auf die Thematik der Beziehung zu werfen: In der Meditation „Eine Invasion der Liebe“ von Chiara Lubich wird an eine grundlegende Haltung für gelingende Beziehungen erinnert. Daran schließen sich vier wissenschaftlich orientierte Texte an, in denen die Thematik der Beziehung aus verschiedenen Disziplinen beleuchtet wird: Im Beitrag von Tobias Häner wird die universale Verbundenheit alles Geschaffenen aus der Perspektive der alttestamentlichen Exegese verdeutlicht. Aus Sicht der Pastoraltheologie wirft Andree Burke einen erfrischend neuen Blick auf die Thesen zu einer trinitarischen Ontologie von Klaus Hemmerle und setzt diese mit heutigen Beobachtungen aus Soziologie und Theologie in Dialog. Dass alles Geschaffene auf eine Dynamik der Einheit hinstrebt und es ein inneres Bezogensein auch in den Gesetzen der Natur gibt, kommt im Beitrag von Catherine Belzung zum Ausdruck. Und im Beitrag des Südtiroler Moraltheologen Martin M. Lintner werden die neueren Entwicklungen seines Fachbereichs unter dem Leitmotiv der „Beziehung“ untersucht und so die Bedeutung dieses Begriffs für Theologie und die damit verbundenen Konsequenzen für die kirchliche Verkündigung verdeutlicht.

An diesen wissenschaftlich orientierten Teil schließen sich vier erfahrungsbasierte Beiträge an, die ein beziehungsorientiertes Lebens in seiner Wirkungskraft schildern: Im Beitrag von Claudia Schwarz wird die Initiative „socioMovens – Giving Europe a Soul“ vorgestellt, die junge Menschen in Mittel- und Osteuropa in ihrem Engagement für eine gerechte Bürgergesellschaft stark macht – und dafür dieses Jahr mit dem Jugendpreis des Westfälischen Friedens ausgezeichnet wird! Dass das Thema der Beziehung ein echtes Lebensthema ist und die Grundlagen für dessen gute Bewältigung schon in der frühen Kindheit gelegt werden, wird im Beitrag von Ellie und Dirk von der Heide deutlich. Veronika Hembrock erzählt die bewegende und gleichzeitig mutmachende Geschichte von vier Frauen, die sich mit einer schwer erkrankten Freundin gemeinsam deren letztem Lebensabschnitt stellen. Und schließlich gibt Wilfried Hagemann durch sein Interview mit Eberhard Hickmann einen Einblick darin, wie dieser als evangelischer Christ aus seinem Glauben heraus Beziehung im Umfeld seiner Nachbarschaft lebt und so vielen Menschen eine ganz konkrete Hilfe und ein Bezugspunkt sein kann. Dass diese Ausgabe auch den Nachruf auf den Redemptoristen-Pater Hans Schalk von Bernd Aretz enthält, der in seinem langen priesterlichen Leben unzähligen Menschen in der persönlichen Begegnung und als Autor ein wichtiger Ratgeber geworden ist, passt hervorragend zu dem Thema „Beziehung first“.

Somit enthält diese Ausgabe des prisma einen weiten und zugleich tiefen Blick auf ein echtes Thema unserer Zeit. Der amerikanischen Familientherapeutin Virginia Satir wird der Satz zugeschrieben: „Die Einheit, in der Veränderung gemessen werden kann, ist Beziehung.“ Wenn das zutrifft, dann kann diese Ausgabe des prisma ein Anstoß für uns alle sein, die Dynamik der Beziehung aufzugreifen, die derzeit auch in der Kirche durch das Pontifikat des Augustiner-Paters Leo XIV. gestärkt wird, und so zu einer positiven Veränderung in Kirche und Gesellschaft beizutragen. Setzen wir die Beziehung an die erste Stelle!