Skip to main content

Miteinander braucht Konflikt

Editorial

Wenn man in der Kirchengemeinde danach fragt, was den Leuten wichtig ist, dann steht „Gemeinschaft“ nach meiner Erfahrung immer an erster Stelle. Konflikte hingegen hat niemand gerne. Wie kommen wir also in der PRISMA-Herausgeberkonferenz auf die Idee zu formulieren: „Miteinander braucht Konflikt“?

Eine zweite Problematisierung: Wenn man in Glaubensgesprächen danach fragt, welches Bild die Leute von Jesus haben, dann fallen häufig Begriffe wie Liebe, Zugewandtheit, Sanftheit, Freundlichkeit. Dass Jesus von Nazareth viele Konflikte hatte, diese manchmal sogar provozierte und eskalierte, hat fast niemand auf dem Schirm.

Die Sehnsucht nach gelingender Gemeinschaft und das Vermeiden von Konflikten sind häufig in kirchlichen Kontexten zu finden. Gleiches gilt für die Fokolar-Bewegung, die dem Charisma der Einheit verpflichtet ist. Das ist nicht verwunderlich, scheinen doch Liebe und Einheit geradezu das Gegenteil von Konflikthaftigkeit zu sein.

Andererseits ist nicht nur das irdische Leben Jesu, sondern auch die Kirchengeschichte geprägt von zahlreichen Konflikten. Man denke nur an den „Antiochenischen Konflikt“, über den Philippe Van den Heede und Peter Klasvogt schreiben. Auch, dass der Synodale Weg, den die Kirche in Deutschland geht, Konflikte verursacht, wovon etwas im Artikel von Michael Berentzen zu lesen ist, kann man als ganz normal ansehen. Es geht schließlich darum, welchen Weg die Katholische Kirche in Deutschland gehen soll, welche Wahrheit für sie maßgebend ist.

Wenn es um etwas Wichtiges geht, lohnt sich häufig der Konflikt, denn er kann zur Klärung beitragen. Es ist aber nötig, Konflikte nicht derart eskalieren zu lassen, dass sie das Miteinander zerstören und die Gemeinde spalten. Dazu hilft die Besinnung auf den gemeinsamen Grund und die Verständigung auf gemeinsame Ziele. Es braucht manchmal professionelle Konfliktbearbeitung, wie es Gabriele Müller und Ansgar Bock schildern. Dann können „Gemeinschaften die kreative schöpferische Kraft von Konflikten erfahren“.

Ein verheerender Konflikt betrifft in diesen Jahren beide großen Kirchen in Deutschland, Österreich und der Schweiz: Sehr viele Kirchenmitglieder lösen sich in Protest von ihrer Kirche und treten aus. In meiner Pfarrei waren es in sechs Jahren 1.025 Personen, das sind ca. 6 % der Mitglieder. Es schmerzt, die 248 ausgefüllten Fragebögen zu lesen, die sie uns gesandt haben. Da kommt viel Unverständnis und Ärger zur Sprache. Es kostet Energie, sich als Pfarrer nicht in Opposition zu den Ausgetretenen zu sehen, sondern das Positive in ihnen zu entdecken. Ich glaube, der Geist will durch sie der Gemeinde etwas sagen. Vielleicht gelingt es, mit Ausgetretenen ins Gespräch zu kommen, dann könnte dieser Dauerkonflikt wertvolles Veränderungspotential für die Kirchen entfalten und den Ausgetretenen möglicherweise neue Zugänge zur Kirche öffnen.

Ich wünsche Ihnen, dass die Lektüre des PRISMA hilft, Konflikte nicht nur negativ zu beurteilen, sondern ihre gemeinschaftsbildende Kraft zu entdecken.

Leider müssen wir nach einem Jahr schon wieder den Preis des PRISMA-Jahresabos um 2 Euro erhöhen, weil die Papierpreise auch im zurückliegenden Jahr wegen des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine weiter gestiegen sind. Wir meinen, dass 9 Euro pro Heft immer noch ein angemessener Preis sind und hoffen auf Ihr Verständnis.

Matthias Hembrock

Jetzt Probeausgabe oder Abonnement bestellen