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Quellen entdecken in Zeiten des Umbruchs

Editorial 
von Matthias Hembrock

Quellen entdecken in Zeiten des Umbruchs

Wenn man erschöpft ist, krank oder enttäuscht, dann braucht man eine Quelle neuer Kraft, neuen Lebens und neuen Mutes. Das gilt im persönlichen Leben, aber auch für Gemeinschaften, z. B. Vereine, und Institutionen, z. B. Kirchen. „Back to the roots“ heißt es dann oder „schöpfen aus den Quellen des Heils“ (Jes 12, 3). Wer schon einmal in der Natur eine Quelle gesehen hat, kennt ihre Faszination: Das unaufhörlich aus der Erde hervorströmende Wasser gibt einem die Zuversicht, dass das Leben immer weitergeht und sich stets erneuern kann, auch unter widrigen Bedingungen.

In diesem prisma-Heft fragen wir, welche Quellen es gibt in diesen Zeiten des Umbruchs. Umbrüche gibt es allüberall: in der Welt, in der Gesellschaft, in den Kirchen und im persönlichen Leben. Umbrüche erfordern Veränderungen. Veränderungen benötigen Kraft- und Hoffnungsquellen. Einige Quellen-Beispiele stellen wir vor:

Am Anfang steht wie immer der Blick in die Bibel. Tobias Häner zeichnet Hiobs langen Weg nach. Anfangs sitzt er buchstäblich auf dem Trockenen. Nach mühevollem Ringen gelangt er unvermittelt an eine Quelle, die man nicht vermutet hatte. Der philippinische Missionstheologe Andrew Recepcion geht von zehn soziologischen Megatrends aus, welche die gegenwärtigen Umbrüche charakterisieren. Sie treffen auf einen krisengeschüttelten Glauben. Dieser kann dennoch zur Quelle werden, wenn er sich auf den heutigen Menschen einlässt. Ein dritter Theologe, der zu Wort kommt, ist der Grazer Fundamentaltheologe Bernhard Körner. In seinem biographisch angelegten Artikel beschreibt er die Theologie nicht als trockene Wissenschaft, sondern als sprudelnde Quelle des Glaubens.

Zwei pastoraltheologische Artikel wenden sich ausdrücklich der Kirche zu, die sich in einem drastischen Umbruch befindet. Andreas Feige benennt mutig zwei weit verbreitete Vermeidungsstrategien, Aktionismus und Resignation, die angesichts des „toten Punktes“, an dem sich die Kirche befindet, zu keiner Quelle führen. Vielmehr lebt eine „Spiritualität der Transformation“ aus „alten Weisheiten“, z. B. eines Alfred Delp. Gaby Viecens und Christian Hennecke beschreiben Früchte weltkirchlichen Lernens wie z. B. eine Gabenorientierung der Pastoral. Es geht darum, die gemeinsame Taufwürde zum Ausgangspunkt einer erneuerten Kirche zu machen, was auch zu einer Neubestimmung hauptamtlicher Dienste führt, die nicht „Letztverantwortung“, sondern „Grundverantwortung“ haben.

Zwei Artikel sind dem Bereich Spiritualität zuzuordnen. Wilfried Hagemann stößt in einem sehr persönlichen Beitrag direkt ins Zentrum christlicher Spiritualität vor, wie er sie in der Fokolar-Bewegung entdeckt hat. Er hat „in Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Verlassenen, eine Quelle gefunden, … die immer fließt.“ Das immer neue Hinhören auf das Wort Jesu brachte ihn zu einem radikalen Umdenken und schließlich zu „immer mehr Ruhe“ der Seele. Clemens Schlüter stellt den vor 20 Jahren gestorbenen Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch als scharfzüngigen Gottsucher vor, der beiläufig Tiefenschichten des Alltags freilegte und dabei zwar intensiv moralisch war, aber ohne erhobenen Zeigefinger. „Er entledigte den Menschen all seiner bergenden Konventionen und Gebräuche, bis er nackt, schutzlos und in höchstem Maße liebesbedürftig vor uns stand.“

In einem bewegenden Erfahrungsbericht beschreibt schließlich Ulrike Zachhuber, wie Jugendliche, die ihrem Leben Richtung und Form geben müssen, Chiara Lubich als Vorbild entdeckt haben und miteinander die Kraft finden, neue Wege zu gehen.

Im Namen der Herausgeberkonferenz danke ich den Autorinnen und Autoren für ihre Beiträge! Einige von ihnen können Sie auch im Klaus-Hemmerle-Forum (www.kh-forum.org) finden. Möge die Lektüre dieses Heftes Ihnen, den geneigten Leserinnen und Lesern, zur Quelle neuen Mutes und neuer Kraft in Zeiten des Umbruchs werden.